Dieses ganze Gerede von „wie finde ich mein wahres Selbst“ und  „Loslassen, nicht Anhaften“, das lässt einen Außenstehenden doch schon skeptisch werden. Kein Wunder, dass sich hartnäckig dieses Yoga Vorurteil hält, Yogis müssten absolut alltagsfremde Wesen sein, die sich in ihrer heilen, rosaroten Welt verstecken und sich vor allen profanen Aufgaben drücken. Wer will schon die Wohnung putzen, wenn man auch nach Gott in sich selbst suchen kann? An dieser Stelle lasse ich Krishna (du weißt schon, Bhagavadgita, Lehrgespräche zwischen Arjuna, dem Krieger, und Krishna) zu Wort kommen:

„Verzichte nicht auf das Handeln selbst, sondern nur auf das Gefühl, der ursächlich Handelnde zu sein. Sei somit, auch während du dich auf weltliche Handlungen einlässt, nur ein Werkzeug des Göttlichen.“

Bhagavadgita 2.56

Ja. Das ist ja relativ eindeutig, zumindest der erste Teil der Anweisung: Verzichte nicht auf das Handeln! Bedeutet im Klartext: es gibt keine profane Arbeit. Es gibt keine Handlungen, die einen daran hindern, spirituell aktiv zu werden. 

Das Schubladendenken und warum es so schwer ist, es abzustellen

Je nachdem, was für ein Menschentyp wir sind, sind wir mehr oder weniger stark mit unserem eigenen Wertesystem verbunden. Und Werte würden nicht Werte heißen, wären sie uns nicht wichtig. Dabei hat jeder andere Schwerpunkte, dem einen sind vielleicht Familie und Beziehungen extrem wichtig, dem anderen Wohlstand. Vielleicht bist du ein Familienmensch, oder zumindest jemand mit sehr idealistischen Wertvorstellungen und beim Lesen haben sich gerade deine Zehen nach oben gerollt: Wohlstand? Vielleicht denkst du dir jetzt: „Geld sollte nicht an erster Stelle stehen. Das ist so materialistisch.“ Ja. Du hast Recht! Du siehst die Welt durch die Linse deiner eigenen Werte und argumentierst auch aus diesem Umstand heraus.

Dein „materialistisches“ Gegenüber hat aber mit seiner eigenen Programmierung einen anderen Blickwinkel. Vielleicht ist sein Standpunkt: „Nur im Wohlstand kann ich mich um meine Liebsten kümmern und mit dem Geld Gutes bewirken“. Vielleicht hat jemand, der nach Wohlstand strebt, in seinen Samskaras Erfahrungen von Armut erfahren. Und vielleicht hast du als Familienmensch in deinen Samskaras gespeichert, dass die Familie, der Zusammenhalt, wichtiger ist als das einzelne Individuum und interpretierst heute den Wunsch nach Wohlstand als egoistische Handlung. Na? Merkst du was? Beide Wertesysteme sind valide. Beide haben Recht. Aber gegenseitig geben sie sich unrecht.

Was hat das jetzt mit dem Handeln an sich zu tun?

Das fragst du zurecht, danke! Ich hoffe, du hast verstanden, dass dein Blick auf die Welt sich von ALLEN anderen Blicken um dich herum unterscheidet. Jeder einzelne Mensch trägt eine andere Brille. Und genau das ist meiner Meinung nach unsere Aufgabe als Yogis. Zu erkennen, dass wir eine getönte Brille tragen, immer, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Das ist es, was Krishna sagen möchte. Hör nicht auf zu handeln. Du handelst immer. Du kannst gar nicht nicht handeln. Sich dagegen zu wehren ist paradox. Mach dir nur folgendes klar: Es gibt keine guten und schlechten Handlungen in dem Sinne (wir klammern jetzt mal bitte ethische Aspekte aus, sonst wird es zu komplex. Will heißen, ja, du sollst nicht klauen, du sollst nicht morden etc. pp.). 

Wenn du meinst, dass deine Asana-Praxis wertvoller, „besser“ ist als beispielsweise duschen, dann ist das deine Brille, die da spricht und erfüllst damit das Yoga Vorurteil! Du hast dem Ganzen eine Tönung gegeben. Weil du dich dem „Yoga“ (jetzt mach ich schon wieder eine Schublade auf, was ist überhaupt Yoga? Thema für einen anderen Artikel…) verschrieben hast, meinst du, dass du „yogische“ Dinge machen musst. Und wenn du auf Instagram und im Netz unterwegs bist, siehst du halt vor allen Dingen hübsche Asana-Bilder. Glaub nicht, dass das spurlos an dir und deinem Unterbewusstsein vorbeigeht, auch wenn du sagst „jaja, immer diese hübschen Yogahasen, das ist doch kein Yoga“. Sei kritisch mit dir selbst. Wichtig ist nicht die Handlung, wichtig ist die Ausrichtung, deine Intention.

„Sei ein Werkzeug des Göttlichen“ klingt aber schon ein bisschen krass, oder?

Schau auf deine Brille… okay, ich hör auf, das zu sagen, versprochen. Trotzdem: Immer wenn dich ein Satz oder eine Situation extrem schnell triggert und dich wütend macht oder dich in eine Abwehrhaltung gehen lässt, ist das ein Zeichen dafür, dass deine Programmierung volle Arbeit leistet. Denn achtsam durchdenken passiert niemals so schnell. Wenn du also das Wort „Werkzeug“ hörst, wird dir unwohl, weil du es vielleicht mit Sklaverei oder Untergeordnetsein assoziierst (geht mir übrigens nicht anders!). Und dann lass das Gefühl mal für einen Moment beiseite. Was Krishna sagen will, ist Folgendes: Achte auf deine Intention. Achte auf das „wie“. Deine Geisteshaltung ist das A und O.

Natürlich kannst du dir einen Krishna Altar bauen und dich davor setzen und ihm ein Lied singen. Wenn’s dir gut tut, nur zu. Wenn du aber dabei an die Pizza denkst, die du später backen willst, ist diese Handlung weitaus weniger „wert“ (im Sinne von Yoga, im Sinne von zur eigenen Seele finden) als das Pizzabacken später, wenn du das Gemüseschnippeln und Soße-Kochen ganz versunken und mit einem Gefühl für etwas Höheres (was auch immer das für dich sein mag!) ausführst. Denk mal drüber nach. Lass dich nicht vom Äußeren täuschen und „verzichte auf das Gefühl, der ursächlich Handelnde zu sein“. Die Handlungen, die du dir aussuchst, die kommen nur aus deiner Programmierung. Aber die Haltung, die sagt etwas über dich aus.

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