„Begegne dem unvermeidlichen Guten und Schlechten des Lebens mit stetigem Gleichmut. Mach dich nicht zum Sklaven von irgendjemandem oder irgendetwas. Sei weder an Besitztümer noch an Familie gebunden. Liebe und erfülle deine Verpflichtungen gegenüber Gattin, Kindern, Elternhaus und Verwandtschaft, aber identifiziere dich mit ihnen nicht so stark, dass du den Atman, dein wahres Inneres Selbst, vergisst.“

Bhagavadgita II.9

In diesen paar wenigen Zeilen steckt so wahnsinnig viel Inhalt, Klarheit und Unklarheit, dass man im Grunde genommen jedes einzelne Wort auseinanderpflücken müsste. Für mich persönlich ist dieser Absatz von so großer Bedeutung, da ich über genau diese Inhalte schon mein Leben lang nachgedacht habe. Als Einzelkind verbringt man naturgemäß viel Zeit mit sich selbst und man konnte mich regelmäßig dabei erwischen, wie ich sinnierend in die Luft starrte und mich der Metaphysik hingab, während der Hausaufgabenstapel neben mir drohend zu mir aufsah.

Für mich war es immer vollkommen klar: wenn man allein ist und in der Stille in sich hinein horcht, kann man dieses Licht, diese Konstante in sich selbst erahnen, die Seele. Man fühlt sich geborgen und im wahrsten Sinne des Wortes „in seiner eigenen Mitte“. Doch wie soll dieses Gefühl aufrechterhalten werden, wenn jemand anders gegenwärtig ist? In Gegenwart anderer Menschen, ob nun Freund oder fremd, verlor ich regelmäßig den Bezug zu mir selbst. Was ja laut Krishna kontraproduktiv ist.

Ich werde jetzt Eremit, um mein Selbst besser zu sehen!

Es ist ja auch echt nicht einfach. So ein Mensch kommuniziert unbewusst so viele eigene Gedanken, Emotionen und Energien, dass man schon gut zentriert sein muss, um nicht aus dem Gleichgewicht zu fallen. Und je sensibler wir selbst sind, desto deutlicher spüren wir unser Gegenüber. In Gegenwart anderer Menschen können wir uns frisch und inspiriert, aber auch traurig und deprimiert fühlen. Diese Emotionen kommen dann häufig gar nicht aus uns selbst. Vielleicht bringt das den einen oder anderen dazu, menschliche Gesellschaft völlig zu meiden und gar keine Beziehungen einzugehen. Zumindest habe ich es lange Zeit so gemacht.

Mittlerweile glaube ich, dass Personen im Außen wirklich wichtig sein können. Krishna beschreibt das sogenannte „Feld“ als alles, was nicht unsere Seele ist. Das Feld ist also alles vergängliche an uns selbst, wie zum Beispiel der Körper, Gedanken, Emotionen, aber auch alles, was außerhalb von uns existiert. Das Feld lässt unser Selbst, den „Kenner“, unberührt. Zumindest im Idealfall 😉 Hier können wir eine wunderbare Parallele zum Yoga ziehen: alles ist verbunden. Unsere körperliche Existenz besteht aus tausenden und abertausenden von Partikeln, die alle Teil des großen, ganzen Feldes sind. Und unsere Seele, unser atman, ist dieser kleine Bewusstseinsfunke, der Teil eines größeren Bewusstseins ist, das die Hindus Brahman nennen.

Also doch nicht Alleinsein?

Was ich damit konkret sagen möchte: wenn wir meinen, wir müsstens uns, das heißt nicht nur unsere Seelen, sondern unsere weltliche Existenz hier, unsere Körper und unsere Identitäten vor äußeren Einflüssen schützen, um besser an den Kern zu kommen, dann unterliegen wir einer Illusion. Dann haben wir uns eine schöne, isolierte, spirituelle Blubberblase gebaut, die für uns funktionieren mag, uns aber kein Stückchen näher zu uns selbst bringt. Denn Alleinsein bedeutet nicht, sein wahres Selbst erkannt zu haben. Sorry, Leute. Es heißt lediglich, dass wir andere Faktoren, von denen wir denken, dass sie nicht Teil von uns sind (Illusions-Alarm!), ausblenden. Der Kenner des Feldes blendet aber nicht aus. Er beobachtet einfach alles, was da ist.

Was würde der Buddha tun?

Krishna sagt: „identi­fiziere dich mit ihnen nicht so stark […]“. Machen wir doch mal einen kleinen, philosophischen Sprung in Richtung Buddhismus und schauen uns die Geschichte von Siddharta Gautama, dem Buddha, an. Er ging den Asketen-Weg zunächst ganz, mit Leib und Seele, hat allem entsagt – dennoch hat er keine Erkenntnisse oder gar die Erleuchtung erlangt. Der Wille, nur noch nach innen zu schauen, ist weder praktikabel noch frei und losgelöst. Als Wesen in einem Körper sind wir immer zu einem gewissem Grad an diese materielle Welt gebunden. Ignorieren wir das völlig, igno­rieren wir einen Teil unserer Existenz hier. Und so sind Menschen, die in unser Leben treten, nicht nur Teil unseres weltlichen Daseins, sondern auch eine reality check. Sie können uns davon abhalten, zu sehr in eine von Illusion getränkte „eigene heile Welt“ abzutauchen.

Äußere Umstände können wir uns oft nicht aussuchen. Wie sehr hilft uns eine selbst gewählte Isolation, wenn mal was richtig Schlimmes passiert? Unsere rosarote Bubble kann dann ganz schnell zerplatzen. Ich glaube, dass die Menschen, mit denen wir uns bewusst umgeben, die uns nahe sind, uns eine Stütze sein können, wenn wir wieder einmal den Bezug zu allem und insbesondere zu uns selbst verloren haben. Sie sind unsere Spiegel und können uns bei der Selbsterkenntnis eine große Hilfe sein. 

Du bist nicht allein.

„Begegne dem unvermeidlichen Guten und Schlechten des Lebens mit stetigem Gleichmut.“ Auch diese Aussage sollte man im Kontext des eigenen Lebens betrachten. Ist es in unserer schnelllebigen, lauten Welt nicht eine Erleichterung, Familie und Freunde um sich zu haben? Können sie einem nicht dabei helfen, den Gleichmut ob aller Umstände zu bewahren? Sie zeigen uns, dass wir eben nicht alleine sind, dass wir Teil eines großen Ganzen sind. Und diese Erkenntnis schenkt einem Ruhe. 

Warum also der Weg der goldenen Mitte? Ich glaube nicht an Extremismus. In keiner Form. Ich glaube nicht an extreme Askese. Ich glaube nicht an Völlerei. Ich glaube nicht an die komplette Einsamkeit oder an das ständige Geselligsein. Ich glaube niemandem, der streng und ohne Ausnahme „du sollst“ sagt. Ich glaube niemandem, der sagt „egal, mach was du willst“. Ich glaube an einen Mittelweg. An einen Weg, der weder zu stark in die eine, noch in die andere Richtung geht. Denn wenn wir Extreme ausgleichen, steht die Chance für innere Ruhe recht hoch.

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